AfrikaReisenReiseteamWorldtrip 2019 / 2020

Gefangen in der Angstspirale

Chameleon

Ein paar Worte vorneweg: Tanja und ich haben uns mit der aktuellen Overland-Reise durch Afrika einen langgehegten Wunsch erfüllt. Wir haben über 5 Jahre hart gearbeitet, um genug Geld für diese Reise zu sparen, die uns mindestens zwei Jahre durch Afrika und Südamerika führen soll. Wir haben beide unsere guten Jobs aufgegeben, die uns Freude gemacht haben und wir sind aus unserer schönen Wohnung ausgezogen, die uns ein geliebtes Zuhause war. Nicht zuletzt haben wir uns von unseren Freunden und Familien verabschiedet, die wir wirklich vermissen. Wir haben für unsere Reiselust und Wissbegierigkeit viele der sozialen Hosenträger abgeschnitten, die Deutschland zu bieten hat. Alles höchst freiwillig und mit einem guten Gefühl. Acht Monate sind wir nun unterwegs und wir haben viele Abenteuer erlebt, Herausforderungen gemeistert und viele bemerkenswerte Menschen kennengelernt.

Noch vor zwei Wochen haben wir gedacht, dass wir hier in Afrika einigermaßen sicher sind vor dem Corona-Virus und das wir froh sein können, in einem Land wie Tansania zu sein. Tansania hat mit den Nationalparks und der Küste des indischen Ozeans viel zu bieten und die Bevölkerung ist an weiße Touristen und Expats gewöhnt. Man fühlt sich willkommen und mit zwei, drei Worten Swahili kann man gleich ein nettes Gespräch beginnen.

Dann gingen in Europa die Corona-Fallzahlen hoch und damit begann eine Spirale der Aufregung und Panik, wie wir sie noch nie erlebt haben. Nicht falsch verstehen: Es ist eine ernste Krise und Menschen sterben. Um das zu vermeiden oder zu reduzieren, müssen wir alle vorsichtig und vernünftig sein. Aber klar ist auch, dass noch keine Krise zuvor eine solche mediale Wucht entwickelt hat. Die etablierten Medien haben sich in der Vergangenheit immer wieder dafür ausgesprochen, in kritischen Lagen eine Stimme der Vernunft zu sein und nach Möglichkeit zu deeskalieren. Im Falle von Corona: Voll versagt. Dann haben wir die sozialen Netzwerke. Wir nutzen Facebook und Co häufig und gerne auf Reisen. Hier kann man sich mit anderen Reisenden vernetzen und Informationen aus erster Hand austauschen. Hier kann man aber auch Gerüchte und Halbwahrheiten posten, die eine ganze Community verrückt machen. Mir ist bewusst geworden, wie viel leichter es ist, Menschen zu verunsichern, als ihnen Vertrauen und Sicherheit zu geben. Grenzen werden dicht gemacht und Menschen bleiben in Ländern stecken, obwohl sie nach Hause wollen. Ob die dramatischsten dieser Geschichten stimmen, ist nicht zu überprüfen. Menschen werden verprügelt oder wie in Kenia sogar totgeschlagen, weil sie unter Verdacht stehen, den Virus in sich zu tragen. In Arusha soll es offene Anfeindung gegenüber Weißen geben. Stimmt das wirklich? Fakt ist, dass die meisten NGOs ihr Personal ausfliegen. Insbesondere die jungen Volunteers, die zum Teil schon Monate hier sind, müssen nun zum Flughafen.

Auch wir spüren tatsächlich in den Straßen, dass einige Menschen uns aggressiv begegnen: Ihnen wird offensichtlich erzählt, dass Weiße die Seuche bringen. Aber sind wir ehrlich: Vor ein paar Wochen haben Tanja und ich auch noch bei asiatischen Reisegruppen hier in Afrika heimlich den einen oder anderen Virus-Witz gemacht. Jetzt trifft es uns selber und die Menschen hier haben wenig Zugang zu Bildung und seriöser Berichterstattung und es ist auf einmal eben nicht mehr witzig.

Was aber auch zutrifft: Wir werden paranoid. Haben wir nicht immer mal wieder blöde Sprüche entlang der Straße gehört? Nun werden wir hellhörig bei jedem bösen Wort. 

Aus dem „gemütlichen“ Aussitzen der Krise in einem vermeintlich freundlichen Land, ist in unserer Wahrnehmung das „Gefangensein“ auf einem Kontinent geworden, auf dem wir eigentlich nicht mehr willkommen sind. Das wir uns nun entschieden haben, nach Deutschland zurück zu fliegen, liegt somit vor allem an dieser Gefühlswelt, die in uns herrscht.

Ein Teil der Overlander-Community in Afrika will bleiben, ein anderer Teil versucht heim zu kommen. Alles nicht so einfach, wenn man noch einen Geländewagen oder ein Motorrad dabei hat. Ob die Entscheidung richtig ist und ob wir am Ende hier überhaupt noch weg kommen, werden die nächsten Tage zeigen.

Viele Grüße, Tanja und Armin 

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6 comments

  1. Ihr Lieben, ich weiß nicht ob Ihr Euch noch an uns erinnert – die Familie mit den 2 kleinen Kindern aus Albanien… Ich wünsche Euch viel Kraft und Menschenverstand und Glauben an das Gute! Ich wünsche Euch, dass Ihr nicht hadert mit Eurer Entscheidung, denn egal was Ihr macht fühlt sich falsch an…
    Wir würden uns total freuen, von Euch zu hören. Ansonsten gerne über den Blog mit Euch verbunden…. eure Anna mit David, Benjamin und Jonas (0043 680 3284276)

    1. Hallo ihr vier, schön dass ihr an uns denkt. Ja, momentan ist es schwierig, die richtige Entscheidung zu treffen. Wir gehen immer noch davon aus, unsere Reise in der Zukunft fortsetzen zu können. Schließlich bleibt unser Auto ja auch zwangsläufig hier in Tansania. Jetzt mal hoffen, dass unser Flug am Dienstag geht. Euch wünschen wir auch, dass ihr gut über diese eigenartige Zeit kommt. Bleibt gesund! Liebe Grüße, Armin und Tanja

  2. Ja, ich kann verstehen wie schwierig auch eure Situation ist. Die Entscheidung ist euch bestimmt schwer gefallen. Wir Reisende wollen doch die Welt erleben und dann zwingt uns der Virus dazu, doch wieder nach Hause zu kehren. Ihr mit dem Flieger nach Hause und wir in der Ausgangssperre. Bleibt gesund! Und dann hoffen wir für uns alle, bald wieder auf Teisen gehen zu können!

    1. Hallo ihr beiden
      Sicherlich war es schwer die Entscheidung zu treffen euern Traum abzubrechen. Habe immer gerne eure Berichte verfolgt. Aber nun steht die Welt Kopf und die Gesundheit steht mehr denn je an oberster Stelle. Ich hoffe nun ihr kommt gut nach Hause und bleibt vor allem gesund.

      Gruß

      1. Hallo Stefan, danke für deinen Zuspruch. Es wird zukünftig sicher wieder Berichte von uns geben, wer weiß, wie lange das am Ende alles dauert. Für euch Messebauer ist die Zeit sicher auch sehr hart. Wir wünschen euch alles Gute und einen langen Atem. Bleibt auch gesund! Viele Grüße, Armin und Tanja

    2. Hallo Dagmar. Danke für deinen Zuspruch. Es fühlt sich schlecht an, wenn Dinge entgleiten und man das Gefühl hat, nicht mehr die Kontrolle zu haben. Ich denke das ist auf Reisen genauso, wie zuhause. Bleibt gesund und freut euch auf die nächste Reisemöglichkeit. Wir planen jedenfalls mit einer Weiterreise nach der Zwangspause. Liebe Grüße, Armin und Tanja

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